Rede 1

Andreas Steffens

Wiederbelebende Rückkehr einer Weltsprache

Rede zur Eröffnung der Ausstellung:
Shahram Gilak: „Verlorene Stimmen – Farbtänze“. Malerei
Goethe-Institut Düsseldorf, 25.01.2008

Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen, lass’ ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen sei zum Besten!

Ließe sich eine feinere, eine wohlwollendere Parole für ‚multikulturelle’ Gutmütigkeit im Zeitalter der ‚Globalisierung’ denken, als dieses Nachlass-Gedicht zu Goethes >West-Östlichem Divan<?

Als er den >Divan< schrieb, mit dem Goethe einen Grundstein zu der von ihm zuerst so benannten ‚Weltliteratur’ legte, begann Europa gerade mühsam, Weltkenntnis zu erwerben. Weltreisende wie Vater und Sohn Forster, Alexander von Humboldt oder der Spaziergänger nach Syrakus Gottfried Seume wurden zu bestaunten und bewunderten Leitfiguren der zeitgenössischen Kultur, und blieben als Weltbürger doch politisch missliebige und verfolgte Aussenseiter.

Die dann geradezu überstürzt beschleunigte Erweiterung dieser neuen Weltkenntnis sollte Europa für ein kurzes Jahrhundert zum Herrscher über die Welt machen, das es vielleicht noch wäre, hätten seine Nationen, die sich im Wahn um alleinige Weltmacht bekämpften, sich nicht gegenseitig lahmgelegt. Die Epoche der Weltkriege wurde zur Epoche der Selbstzerstörung Europas. Es verlor die Welt, die darüber allmählich zu sich fand, um schliesslich, zu sich selbst befreit, aufs neue zu uns zu kommen.

In erstaunlichster Paradoxie steht uns, den nur oberflächlich fernen Erben jener kläglich ‚großen Zeit’, heute die Welt fast uneingeschränkt offen.

Trotz Globalisierung gilt das nicht für alle möglichen Bewegungsrichtungen.

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Dieser Anregung zu folgen, mit der Goethe seinen >West-Östlichen Divan< beginnt, und sich vor eigenen Unerträglichkeiten in den Osten zu flüchten, den fernen, darauf käme heute kaum jemand. Nicht nur, dass der Reiz des Exotischen als Verheißung eines Irdisch-Ganz-Anderen, als erfüllte Utopie am andern Ende der Welt, sich im Zeitalter des Pauschaltourismus auf ernöchterndste Weise erschöpft hat; vor allem deswegen, weil dort eher Schlimmeres anzutreffen wäre als alles, was einen von hier vertreiben könnte.

Als Fluchtbewegung vollzieht sie sich heute umgekehrt, von Osten nach Westen. So sehr, dass dieses von seiner Geschichte und seinen so grässlich missratenen Versuchen, Utopien zu verwirklichen, ermüdete Europa seinerseits zu einer Verheissung für Flüchtlinge aus dem Osten geworden ist. So sehr, dass die kulturelle Bindung, die sie in diesem Europa suchen und finden, uns, denen die eigene Kultur auf lähmende Art längst fragwürdig geworden ist, zu denken geben müsste, nähmen wir diese Bewegung, die sich da vollzieht, wahr.

Begegnungen, die so geschehen, finden an keiner Demarkationslinie statt, und so brachte auch uns kein wohlmeinendes Integrationsprogramm zusammen, sondern ausschliesslich das gemeinsame existentielle Interesse an Kunst als Medium eines freien Daseins, das sich die Welt bildet, in der sich leben lässt.

Das ist schwierig, denn sie vollzieht sich in Einzelschicksalen, diese Begegnung, nicht vor der großen Öffentlichkeit, als Alltagsmühe und Arbeitsertrag, in Freundschaften und Lieben, in unscheinbarem Leben Tür an Tür, und doch verborgen. Aber manchmal tritt hervor, was sich so begibt. Dann kann Erstaunliches sichtbar werden. Erstaunliches wie die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Perser eine Tradition aus der neueren deutschen Malerei fortsetzt: dass der Westen, aus dem Osten neu belebt, sich einer Seite seiner selbst gegenüber sieht, die fast schon vergessen war.

Gilaks Kunst ist das Ergebnis einer durch die Weltpolitik von heute geprägten Lebensgeschichte. In der Verarbeitung ihrer Erfahrungen zu einer neuen Existenz nach dem Verlust der angestammten durch die Emigration reagierte er auf sie mit einer Durchdringung kultureller Traditionen des Ostens und des Westens.

Shahram Gilak ist Perser; aber er ist kein persischer Künstler. Und das nicht, weil er seit zwanzig Jahren nicht mehr im Iran, seit 1990 in Deutschland, lebt; sondern weil er in den beiden Kulturen seiner Herkunft und seiner Wahl so selbstverständlich lebt, dass es willkürlich wäre, noch eine Grenze zwischen ihnen zu ziehen. Wie sehr sie sich in seiner Existenz durchdringen, das zeigen seine Bilder ebenso überraschend auf den ersten wie überzeugend auf eingehenderen Blick. In diesem individuellen Leben gibt es in dieser Hinsicht kein Entweder-Oder, und nach Trennungslinien zu suchen, wäre in diesem Fall fast schon eine Missachtung eines gelebten Lebens.

Als Gilak das Land seiner Herkünfte verliess, muss die Kunst zwar schon in ihm gewesen sein, sonst wäre sie nicht schliesslich zutagegetreten; aber er war noch kein Künstler, als er den Iran verliess. Wir haben es also nicht mit einem emigrierten Künstler zu tun. Stattdessen mit einem, der in der Emigration zum Künstler wurde. In ihr, und durch sie.

Man kann nur werden, was man ist. Aber das heisst nicht, dass man auch alles wird, was man ist. Wahl bleibt nicht aus, und in den meisten Fällen wird sie von den Lebensumständen für einen getroffen. Es ist immer noch die Ausnahme, wenn einer in seinem Leben mehr als eines wird von dem, was er auch sein kann.

Dazu kann verhelfen, was jedes Leben zu vermeiden sucht, ein Unglück. Ein Unglück, wie es eines ist, seine angestammte Welt zu verlieren. Derselbe zu bleiben, und dabei doch ein anderer zu werden, das ist die überwiegend bittere Herausforderung der Emigration.

Ein Leben im Anderswo zieht ein Anderssein nach sich: für die anderen, mit denen es zusammenführt, und für einen selbst. Zum Anderen geworden, wird man sich selbst anders. Dann wird es zum rettenden Halt, wenn in einem schon ein mögliches anderes Selbst bereitliegt, das nun zutagetreten kann, und denjenigen, der nicht mehr bei sich ist im Anderswosein, wieder zu sich bringt.

So wird das Anderswosein zu einer Verwandlung im Schrecken, zu einem Fegefeuer, zur Feuerprobe auf das eigene Sein, das Eigensein: wird man bleiben, der man ist; erst werden, was man ist; oder ein ganz anderer, der, ohne dass man es schon gewusst hätte, in einem darauf wartete, zu werden; oder wird man nicht mehr sein, im Anderswo, das nun die Welt ist, in der man zu sein hat?

Aus diesem Fegefeuer ging Shahram Gilak als der Künstler hervor, der er noch nicht gewesen war, der als Möglichkeit aber in ihm ruhte. Kein Zufall, dass Dantes ‚Inferno’ eine seiner Lieblingsschriften ist.

Seit 1990 in Deutschland lebend, waren es jedoch besonders südamerikanische Erfahrungen ein Jahrzehnt später, die Gilaks Weg in die bildende Kunst prägten. Das Erlebnis des Südens liess im Osten seiner Herkunft den Westen seiner Gegenwart entstehen, indem es die Kunst aus ihm herausholte, die in ihm bereit lag.

Und das auf denkbar paradoxe Weise: in Venezuela wurde er zu einem Maler in überwiegend deutscher Tradition. Das Unbekannte, dem die Emigration ihn aussetzte, hatte ihn bereit gemacht für den Einfluss des Werkes von Willi Baumeister. Dieser hatte Erfahrung und Gestaltung eben dieses ‚Unbekannten’ als Aufgabe nicht nur seiner eigenen Malerei verstanden. In der erzwungenen Verborgenheit der inneren Emigration während des Krieges verfasst, hatte er eine der bedeutenden Künstlerschriften des vergangenen Jahrhunderts dem ‚Unbekannten’ gewidmet und die Malerei als eine Disziplin seiner ästhetischen Erforschung bestimmt.

Dessen eigene Ästhetik einer Raumbildung durch Flächenrhythmisierung anhand reiner abstrakter Figurationen steht für Gilaks Malerei ebenso Pate wie die Chromatik von Blau und Rot, die auch seine Farbstimmung prägen.

Vermittelt wurde dieser Einfluss durch die Mentorin dieses Entstehungsprozesses, die Malerin Luisa Richter, die seit langem in Caracas lebt, und eine der letzten Schülerinnen Baumeisters an der Stuttgarter Akademie war. Sie zwang Gilak, den es so vehement in die Malerei drängte, zunächst, intensiv zu zeichnen. Als ein leidenschaftlicher Tänzer zeichnet Gilak rhythmisch; die Geste der die Linie suchenden Hand korrespondiert der inneren Dynamik des sich im Raum bewegenden Körpers. Die Geste des Malers ist dieselbe. Sie strukturiert die Malfläche durch eine konzentrierte Bewegung, die ausgreift, ohne stillzustehen, und innehält, sobald sie ihren Ort gefunden hat; die den Raum Raum sein lässt, und ihn bildet, indem sie ihn durchmisst.

Die Geste des Tanzes, die die Hand führt, wird ersetzt und erweitert durch die Geste des Schreibenden: die über die Fläche tanzende Hand des Malers beschwört gleichzeitig die grosse Tradition der persischen Kalligraphie, und erneuert damit in jedem neuen Bild den Ursprung der Malerei.

Von der Zeichnung strukturiert, bleibt Gilaks Malerei jedoch nicht flach. Als eine reine Pigmentmalerei, die die Farbe a la prima auf die Leinwand setzt, als wäre sie die für ein Fresko vorbereitete Wand, behandelt sie die Farbe als Materie. So entsteht eine plastische Malerei, die den Raum, den sie strukturiert, nicht vortäuscht, sondern bildet.

Verbunden mit der altpersischern abstrakten Tradition der Ornamentik und Kalligraphie, und mit der Farbmateriemalerei des französischen Informel, ausgeführt im strengen Geist der Renaissancezeichnung, nimmt Gilaks Malerei die deutsche Tradition der Abstrakten wieder auf, wie sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Als sie um die Welt ging, nannte man die abstrakte Malerei eine ‚Weltsprache’. Hier kehrt sie aus der Welt an einen ihrer Ursprünge zurück, neu belebt von anderer Existenz.

Das Ergebnis ist von diffuser ‚Weltkunst’ ebenso weit entfernt wie von historisierend-epigonaler Unverbindlichkeit. In der Anverwandlung dieser Traditionen durch ein eigenwilliges Temperament entsteht eine durchaus zeitgenössische Bildkunst, indem sie die Erfahrungen einer Emigration ebenso aufhebt wie diejenigen einer neuen Weltverankerung ausserhalb der eigenen Herkunft. Malerei wird zum Medium ästhetischer Gestaltung einer typischen Lebenserfahrung ‚globalisierter’ Existenz.

Diese subtile Bildkunst will mir als ein gelungener Fall einer kulturellen Beheimatung im erworbenen ‚Anderen’ ohne Selbstaufgabe des ursprünglich ‚Eigenen’ erscheinen, jenseits aller Miseren von ‚Integration’, sei diese nun restriktiv oder wohlwollend gemeint.

Das sollte weniger verwundern als erfreuen, ist es doch ein Beleg dafür, das Kultur immer das Verbindende zwischen den verschiedenen Seinsweisen der Menschen in der Welt ist, und nie das Trennende.

Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten!
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten!
Und ich reite froh in alle Ferne,
Über meiner Mütze nur die Sterne.

(Goethe, FREISINN, West-Östlicher Divan, Buch des Sängers)

 

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