Rede 2

Andreas Steffens

Fünf Künstler aus Zwei Kulturen in Einem Raum

Rede zur Eröffnung der Ausstellung:
Zahra Hassanabadi, Shahram Gilak, Frank Hinrichs, Uwe Kampf, Christoph Pöggeler
Goethe-Hafez-Saal Düsseldorf, 20.09.2008

Zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod ist die Wirkung des bedeutendsten künstlerischen genius loci verblasst. Auch Joseph Beuys ist vom Schicksal der Berühmten nicht verschont geblieben, Ruhm mit fortschreitender Unbekanntheit zu bezahlen.

Dabei ist seine Wirkung eine der folgenreichsten gewesen. Seine Idee der Kunst als einer umfassenden ‚plastischen’ Arbeit, in der eine Existenz sich über die Bedingungen des Lebens mit sich selbst und seinen Mitexistenzen verständigt, hat der Kunst Möglichkeiten eröffnet, die ihr bis dahin verschlossen waren. Von diesen Möglichkeiten wird heute selbstverständlich Gebrauch gemacht.

Zu ihnen gehört die Durchlässigkeit der einst streng gezogenen Grenzen zwischen den künstlerischen Metiers, und die Erfindung neuer.

Vor allem aber gehört zu ihnen die vorbehaltlose Begegnung zwischen einander nicht unmittelbar benachbarten, fernen Kulturen.

Mit der Globalisierung, der triumphalen Ausdehnung der kapitalistischen Zivilisation um den Globus nach dem Ende der Sowjetunion begann der Osten in die Wahrnehmung einzurücken.

Für die deutsche Wahrnehmung begann der Osten nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin, Dresden, Budapest und Warschau, und endete kurz hinter Moskau, spätestens am Schwarzen Meer. Das beginnt, sich zu ändern, und auch der zuerst touristisch nahe gerückte Nahe und Ferne Osten wird allmählich kulturell wahrgenommen – um sogleich wieder in Distanz versetzt zu werden, ist der Nahe Osten doch die Region der Welt, die am engsten mit den brennendsten politischen Problemen der Globalisierung verbunden ist.

Deshalb ist es keine Beiläufigkeit, wenn ein seit einem Jahrzehnt in Deutschland ansässiger und heimisch gewordener iranischer Künstler hergeht, und in einer gemeinsamen Ausstellung wie dieser Künstler aus West und Ost zusammenbringt, auch wenn damit längst kein Ruch des Exotisch-Aussergewöhnlichen mehr verbunden ist.

So leistet Shahram Gilek mit dieser Initiative ein Stück der ‚plastischen’ Arbeit, wie sie Beuys und seinem erstaunten Publikum noch utopisch erscheinen musste. Initiativen wie diese belegen, dass Beuys Idee einer Zusammenführung von Europa und Asien in einem ästhetisch-spirituellen ‚Eurasien’ keine esoterische Versponnenheit war, sondern gelebte Wirklichkeit zu werden beginnt. Denn für das Zustandekommen dieser Ausstellung waren ausser den üblichen organisatorischen keinerlei Hürden zu überwinden. Man versteht sich; und selbst, wenn man sich für einen Moment einmal nicht versteht, versteht man doch sofort, warum man sich nicht versteht, so dass der Konflikt ausbleibt. Insofern bleibt die gelebte Kultur das Modell einer Politik der toleranten Weltoffenheit. Die gelebte Kunst kann eine Brücke zwischen den Kulturen selbst dann sein, wenn die Politik sie fern voneinander hält oder zueinander in Gegensatz bringt.

Denn – das zeigt auch diese Ausstellung – die Kunstpraktiken, die Haltungen der Künstler und ihre Lebensweisen, ihre Existenzführung und ihre Interessen sind einander näher als die unterschiedliche Herkunft aus den einander fernen Kulturen, der islamisch geprägten persischen, und der christlich geprägten mitteleuropäischen, vermuten lässt.

In den individuellen Verarbeitungen ihrer jeweiligen Traditionen und Herkünfte zeigen sich verblüffende Parallelen und ästhetische Korrespondenzen Gemeinsamkeiten. So vor allem in der Neigung zu einer Abstraktion, die sich mit einer starken Betonung der Materialität des Kunstprozesses verbindet.

Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Diese Strophe aus >Goethes West-Östlichem Divan< bewahrheitet sich immer mehr.

Von der Fotografie herkommend, machte die Erfahrung des Übergangs aus ihrer Herkunfts- in ihre Wahlkultur Zahra Hassanabadi zu einer Künstlerin der An-Verwandlungen.

Zu einer gleichsam archetypischen Form der Verarbeitung ihrer Herkunftserfahrungen in der Konfrontation mit den Erfahrungen ihrer neuen Lebenswirklichkeit, die sich immer wieder in diesen Prozeß der Selbsterzeugung durch ästhetische Produktion hineinschieben, ist die bis an den Rand der Unkenntlichkeit reduzierte Form des menschlichen Kopfes geworden. Ihn gestaltet sie in immer neuen Anläufen, mit immer neuen Materialien.

Der Kopf wird zur Projektionsfläche persönlicher Erfahrungen, die verarbeitet werden müssen, ohne doch durch Verarbeitung aufgehoben werden zu können. Als Sitz des Gehirns, in dem alle Vermögen, alle Empfindungen und Gedanken, Intelligenz und Schmerz, Wissen und Neugier, Erfahrungen und Wünsche ihren Sitz haben und ihre Verwirklichung im Bewusstsein finden, steht der eine, alles in sich versammelnde Körperteil für den ganzen Menschen.

Es gelingt ihr, durch geringfügigste Variierung, durch Kombination von Stofflichkeit, Farbe und Präsentation der einzelnen Objekte, die vielfältigsten ‚Ausdrücke’ und ‚Expressionen’ zu erzeugen, als repräsentierten die in ihrer Gestalt nahezu identischen Formen Individuen in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit. So gleich alle Menschen sind, so verschieden sind alle voneinander: keiner wie der andere, und alle dieselben.

Shahram Gilak lebt in den beiden Kulturen seiner Herkunft und seiner Wahl inzwischen so selbstverständlich, dass es willkürlich wäre, noch eine Trennlinie zwischen ihnen zu ziehen. In Südamerika durch die Vermittlung von Luisa Richter, einer der letzten Schülerinnen Willi Baumeisters, mit dessen Werk und der Tradition der deutschen abstrakten Malerei vertraut geworden, entwickelt Gilek heute seine eigene Malerei aus dieser Inspiration ebenso wie aus der An-Verwandlung der grossen Tradition der persischen Ornamentik und Kalligraphie.

Auch Frank Hinrichs steht unverkennbar in der Tradition der grossen abstrakten Malerei. Bei ihm kommt es jedoch eher zu einer späten Fernwirkung der französischen Spielart der Farbmateriemalerei. Denn Er selbst ist so sehr ‚reiner’ Maler, dass er keine vorgegebenen Materialien verwendet, sondern die Farbmaterie, mit der er arbeitet, selbst her stellt. Die Kunst der Grundierung, die jahrhundertelang die malerische Meisterschaft bedingte, hat er sich in individueller Subtilität nach den Erfordernissen seiner ästhetischen Absichten neu angeeignet. Auf ihrer nuancierten Beherrschung beruht das Phänomen eines alle seine Bilder bestimmenden Eigenlichtes, das ihre besondere Aura erzeugt.

Einen entgegengesetzten Weg beschreitet Christoph Pöggeler Wie viele unserer Generation ist er der Maler, der er sein wollte, erst im zweiten Anlauf geworden. Die frühen Erfahrungen mit der plastischen Arbeit integrierte er in die Entwicklung seiner eigenen Malweise, indem er unmalerische Materialien und Gegenstände zu Bildträgern machte. Der Plastik blieb er jedoch treu; vielen werden seine ‚Säulenheiligen’ bekannt sein, die er seit einigen Jahren in zunehmender Zahl dem öffentlichen Leben auf Düsseldorfs Strassen einfügt.

Pöggeler entwickelte seine Malpraktik, indem der die Struktur des verwendeten Materials Motivik, Aufbau und Farbgebung des Bildes mitbestimmen lässt. Bei seinen hier zu sehenden Liegestuhl-Bildern gebenTextur, Farbe und Muster der Bespannungsstoffe die Struktur des Bildes vor, das aus ihnen wie aus einem Vexierspiel hervortritt.

Die damit gegebene konkrete ästhetische ‚Rohheit’ der ‚Bildträger’ unterwirft ihre Motive einer Probe der ‚Entmythologisierung’ und ent-täuschender Entzauberung – die sie in zurückgenommener, fast stumpfer, gleichsam schmutzvermengter Farbigkeit bestehen.

Hitze und Licht, vor dem Moment der Entzündung zum Feuer – diese Konstellation legt der Bildhauer Uwe Kampf seiner plastischen Installation thematisch zugrunde. Mit ihr wendet er sich von seinem hauptsächlichen Arbeitsmaterial, dem Stahl, ab, und einer Kombinatorik des immateriellen Bildes der Fotografie mit fester Materie zu, um einen gegebenen realen Raum mit einer immateriellen Stimmung auszustatten. Zweidimensionales Licht-Bild und dreidimensionales Material seiner Anordnung im Raum stiften eine Atmosphäre, die diesen Raum neu erfindet.

Ausreichend stabil, laden die Leitern den Besucher ein, sie zu ersteigen, und sich so in eine konkrete Analogie zu der Vorstellung der christlichen Mystik vom Aufstieg ins Licht der himmlischen Erlösung zu begeben – um, soviel sei verraten, ein Bild zu sehen zu bekommen, dessen abstrakte Schönheit zwar von der Kälte des Blau beherrscht ist, aber gleichsam ins Feuer lockt: zeigen sie doch den fotografisch wahrnehmbaren Zustand des erhitzten Wassers kurz vor dem Siedepunkt.

 

>> Texte